Die Folgende Mail ist am 31.12. an info ät jukss.de geschickt wurden:
...ich bin schon wieder weg und kanns daher nicht in den Briefkasten stecken, aber so elektrisch müsst ja eigentlich auch praktischer sein... Gruß
2 Kommentare zum Artikel http://de.indymedia.org/2007/12/202016.shtml "Reaktionen auf "...ums Ganze!"-Kongress"
die Form 11.12.2007 - 07:09 sollte etwas mehr dem Inhalt entsprechen. Eine emanzipatorischen Perspektive wird sicherlich nicht eröffnet, indem 500Menschen der abgehobenen Diskussion von 2en lauschen. Zu deren Theater gibt es dabei keine Alternative (Parallelveranstaltungen). Was genau tun diese (hauptsächlich als männlich identifizierten) Menschen auf dem Podium, erhoben über den Massen? „Ich versuche hier gerade eine Gegenposition zu vertreten, damit es hier zu einem Streit kommen kann“(Zitat ein Podiant). Recht passend, denn es erweckt leider öfters den Anschein, dass nicht die Findung der objektiven Wahrheit, sondern vielmehr das „Gewinnen“ im Streit im Vordergrund steht. So tut die intellektuelle Selbstbespiegelung des Bauchnabels das ihre zur nahezu totalen Praxisferne der Veranstaltung. Mann möchte sich im kontroversen Abheben schillernd präsentieren. Dazu passt auch gut der Lookism des überwiegend jungen und überwiegend schwarzen Publikum – schick sein, schön sein, sportlich sein und keine Schwächen. Auf die vorgegebenen Zustände antwortende Befindlichkeiten haben es mir verunmöglicht an allen Veranstaltungen teilzunehmen. Hier lohnt sich ein Blick auf das Programm: Es ist vom Beginn am Freitagmittag bis zum Ende am Sonntagabend voll mit dieser Art Veranstaltungen. Dazwischen größtenteils nur 20minütige Pausen. Ist es eh nahezu ungmöglich auf dem vorgegebenen Niveau dem Gerede zu folgen, wäre bei dauernder Teilnahme, wie die Pädagogik schon sehr lange weiss, die Konzentrationsfähigkeit nach ca 45Minuten erschöpft. Was solls? Wer nichts beitragen brauch, kann auch wegdämmern. Körperliche Präsenz zur Ehrung der vorgetragenen Wahrheiten (und ihrer Inhaber) bleibt leider meist gewährleistet und gipfelt im Applaus für die wirklich schlechten Präsentationen (beim Applaus wieder aufwachen klappt meistens): Es gab keinerlei Visualisierung für die wirklich hochkomplexten Inhalte, die über die Darstellung des Titels der Veranstaltung und die Namen der Koniferen hinausging! Auch hier zeigt sich: Die Verfasstheit der konkreten tatsächlichen Menschen und ihrer Bedürfnisse im Bezug auf Lernen und Verstehen können ignoriert werden und so werden sie zur applaudierenden Menge instrumentalisiert. Auf diese Weise der Macht zu huldigen scheint leider einigen Erfüllung zu verheißen. Nochmal zum intellektuellen Theater der Praxisferne eine symptomatische Anekdote: Bei der Veranstaltung „Immaterielle Arbeit und Ware Wissen“ kam die Diskussion nach Stunden endlich in nahezu praxisrelevante Gefilde und einem der Referenten gelang es, die Stoßrichtung möglicher Fragen an das reale Feld der freien Software zu ergründen – nicht ohne gleich wieder abzugleiten in die Abstraktion zu widerständigen Alternativ-Phänomenen im Allgemeinen innerhalb des Kapitalismus. Auch nur der leiseste Bezug zur tausendfachen Fülle der alternativen Projekte und Praxen allein im deutschsprachigen Raum seit 1968 war dabei leider nicht möglich... Der Kongress war also nur verdaulich wenn mensch die Übersetzung der abstrakten Gedanken in die Wirklichkeit selbst leisten kann. Nicht ganz einfach. Ich bin erschreckt von dem Erfolg, den eine solche Form hat, welche Massen sich bereitwillig in ein solches Spektakel einfügen. Zum Glück geht’s auch anders (z.B. jukss.de)
die Farbe 11.12.2007 - 10:15 Eine emanzipatorische Perspektive wird sicherlich aber auch nicht eröffnet, indem die Leute, wie auf dem Jukks (?) denken, man könnte voraussetzungslos mit der Abschaffung des Bestehenden anfangen. Gerade ei (eher "linkeren") Umweltzusammenhängen bekommt man doch recht häufig den Eindruck, die Emanzipation stelle sich durrch Kletterworkshops und Aufstrichkochkurse her.
Meiner Meinung nach würde es eher anzuerkennen gelten, dass Emanzipation nicht ohne Theorie und Selbstreflexion auskommt - und das heisst nicht, die ganze Zeit am Schreibtisch zu sitzen. Viel eher könnte man dem Kongress vorwerfen, bestimmte theoretische Strömungen ausgeklammert zu haben - beispielsweise alles, was sich mit der psychischen Konstitution der staatlich-kapitalistischen Subjekte befasst. Wäre dies der Fall gewesen, hätte man vielleicht anerkennen müssen, dass emanzipatorische (Nicht-)Politik mit dieser Konstitution rechnen muss, sprich, sich eher reaktionären Subjekten gegenübersieht, die zu "überzeugen" oder zu "agitieren" vielleicht auch gefährlich sein könnte. Insofern weist das Kongressprogramm für mich schon viel zu sehr in eine "praktische" Richtung: Die Möglichkeit von Intervention auszuloten und nicht denken zu können, dass diese unter den gegenwärtigen Bedingungen möglicherweise eher gefährlich sein kann.
"Ist es eh nahezu ungmöglich auf dem vorgegebenen Niveau dem Gerede zu folgen, wäre bei dauernder Teilnahme, wie die Pädagogik schon sehr lange weiss, die Konzentrationsfähigkeit nach ca 45Minuten erschöpft"
Auf dem vorgegebene Niveau der Rede zu folgen ist doch vor allem dann unmöglich, wenn man eine intensive Beschäftigung mit Theorie nicht gewohnt ist - also das Problem der Besucher und Besucherinnen, die sich auf den Kongress begeben. Denn eigentlich sollte doch klar gewesen sein, dass es größtenteils auf längeres Zuhören hinaus läuft. Wer da keinen Bock drauf hat und lieber Tripods bauen will oder so, bitte! Warum man allerdings Rücksicht nehmen sollte auf Leute, die sich einer Beschäftigung mit Gesellschaftstheorie beharrlich verweigern - keine Ahnung. Immerhin gab es am Freitag einführende Workshops, die zumindest es ermöglicht haben sollten, sich noch mal ein wenig in die Ansätze reinzudenken. Dass Du allerdings Deine persönliche Befindlichkeit - "ich scheitere an Theorie und bin nicht in der Lage, mich länger auf Theorie zu konzentrieren" - in eine Kritik am Kongress ummünzt, finde ich mehr als fragwürdig.
Das Problem, was Du hier ansprichst, ist deshalb meiner Meinung nach keines der Kongressstruktur, sonder unterschiedlicher Ansätze von "Politik". Ausserdem ist die Erschöpfung der Konzentrationsfähigkeit keine anthropologische Konstante: Wenn DU nach 45 Minuten erschöpft bis, heisst das erstmal nur für DICH etwas. Es gibt durchaus Leute, die es gewöhnt sind, sich auch längere Zeit in Reflexionen zu versenken, wenn Du es nicht schaffts und lieber auf dem JUKKS rumzappelst - bitte.
Warum man sich im Übrigen unbedingt "zur tausendfachen Fülle der alternativen Projekte und Praxen allein im deutschsprachigen Raum seit 1968" äussern sollte, bleibt unklar. Kann es doch wenn dann überhaupt nur darum gehen sie grundlegend zu kritisieren und in ihrer affirmativen, das Bestehende stützenden Funktion zu entlarven. Diese haben sie im übrigen vor allem, weil sie in der Regel völlig ohne Begriff von dem, was sie da kritisieren vor sich hin wurschteln und eien grundlegende Kritik an Staat, Kapital und Subjekt selten bis gar nicht zu finden ist. So lebt man dann in seiner Wendland-Kommune vor sich hin und denkt, dass mit veganem Essen und gelegentlichen Sitzblockaden der Kritik bereit genug wäre, mal abgesehen davon dass man sich als "gut" denkt, ach so widerständig und der Prototyp des besseren, "widerständigen" Menschen.
"Übersetzung der abstrakten Gedanken in die Wirklichkeit selbst leisten kann. Nicht ganz einfach."
Das ist WIRKLICH das Beste - Übersetzung der abstrakten Gedanken in Wirklichkeit. Als ob abstrakte Gedanken nicht Wirklichkeit beschreiben würden, versuchen würden, Begriffe zu finden, die der komplexen Wirklichkeit angemessen wären. Das zeigt doch wunderbar, wie wenig Du offensichtlich in der Lage bist, dass, was Du wohl "vom Gefühl her" scheisse findest oder auch mit moralischen Urteilen kritisierst, auf einen Begriff zu bringen und dadurch erst für eine fundamentale Kritik zugänglich zu machen. Die Konstitutionsbedingungen beispielsweise des autoritären Charakters sind eben durch Praxis allein nicht zu ändern und ohne "abstrakte Gedanken" nicht zu erfassen. Versucht man allerdings es erst gar nicht, hat man keinen Begriff von dem, was man da kritisiert und könnte beispielsweise auf den Gedanken kommen, jetzt mal einfach mit der Praxis loszulegen - ein fataler Fehler, den die Linke immer wieder macht. So ist man dann gar nicht in der Lage ZU DENKEN, auf was für Subjekte man in seiner Praxis stößt und ärgert sich immer wieder nur darüber, dass diese partout nicht emanzipatorisch sein wollen. Das warum? kann man sich dann nicht erklären, ein Quell ewiger linker Frustration.
Als ob die Kategorie "lookism" irgend etwas bedeuten würde ausser: Die gegenwärtige Gesellschaft ist eine identitäre. Als ob nicht Du, der Du vermutlich viel Wert darauf legst, wenig Wert auf Deine Kleidung zu legen, nicht dieser Kategorie in Deinem Denken genau so unterworfen wärst - nur auf eine Art und Weise, die es Dir erlaubt, Dich emanzipatorischer zu fühlen als die "Leute in schwarz". Damit will ich nicht abstreiten, dass wahrscheinlich viele der Anwesenden sich unreflektiert in diese Identität begeben - mit Hemd und Krawatte hätte ich sicherlich zu den gemiedenen Aussenseitern dieses Kongresses gehört. Dass dann aber andere Menschen auf die Idee kommen, mit "lookism" unbeholfen zu beschreiben, wozu andere Bücher um Bücher gefüllt haben - Kritik der Identität - ist mal ein Armutszeugnis schlechthin. Wieder ein schönes Beispiel dafür dass man immer nur staunend und begriffslos vor der Realität steht und dann Patentrezepte gegen etwas erfindet, die es einem ermöglichen, sich in der bestehenden Scheisse gut zu fühlen, weil man ja so "anti-lookism" drauf ist und so wenig aufs eigene Äussere achtet - wenn das alle machen würden...
Ich jedenfalls möchte nicht darauf verzichten, auf mein äusseres zu achten, mich schick anzuziehen. Und da ist es mir relativ egal, ob irgendwelche black-bloc-Fetischisten mich argwöhnisch ansehen oder Du mir "lookism" vorwirfst - das Problem ist einfach ein anderes, und wenn Du Dich ohne "lookism" besser fühlst - bitte! Nur solltest Du nicht glauben, dass es damit was emanzipatorisches auf sich hätte.